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Wortschatz für Fortgeschrittene: Kofferwörter

Seit der Euro im Jahr 2002 eingeführt wurde, ist in den deutschen Medien meist vom “Teuro” die Rede. Teuro ist eigentlich kein Wort der deutschen Sprache, sondern es ist aus den beiden Wörtern “teuer” und “Euro” zusammengesetzt und in dem Begriff Teuro schwingt natürlich die Kritik an der Preisentwicklung in Deutschland seit der Einführung des Euros mit.

Solche zusammengesetzten Wörter bezeichnet man als “Kofferwörter”, in der Sprachwissenschaft auch als Kontaminationen. Kofferwörter haben die Eigenschaft, dass sie komplizierte Sachverhalte kurz und prägnant wiedergeben können, so dass jeder sofort weiß, was damit gemeint ist.

Manche Kofferwörter erkennt man gar nicht mehr auf den ersten Blick, weil sie schon zum festen Bestandteil des deutschen Wortschatzes geworden sind. Dazu gehören aus dem Englischen entliehene Begriffe wie z.B. “Smog” oder “Motel” oder deutsche Eigengewächse wie “Mediothek” oder “Politesse”.

Wenn die Kofferwörter zum festen Bestandteil des Wortschatzes geworden sind, stehen sie im Wörterbuch, so wie z.B. Smog oder Motel. Das dauert aber meist eine Weile und nicht jedes Kofferwort schafft es so weit, denn häufig beziehen sich die Kofferwörter auf aktuelle Themen und verschwinden wieder, wenn das Thema nicht mehr aktuell ist.

Ein Beispiel für ein schon wieder verschwundenes bzw. nicht mehr aktuelles Kofferwort ist “Zensursula” aus dem Jahr 2009, das sich aus den Wörtern “Zensur” und “Ursula”, dem Vornamen der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen zusammensetzt und auf den umstrittenen Vorschlag Ursula von der Leyens anspielt, Internetseiten mit Kinderpornografie in eine Sperrliste einzutragen. Das klingt in der Theorie zwar irgendwie gut, aber in der Praxis wäre das fehleranfällig und leicht umgehbar gewesen und hatte der Ministerin deshalb harte Kritik aus der deutschen Netzgemeinde eingebracht. Diese Kritik klingt in dem Kofferwort “Zensursula” mit, da das Wort Zensur in einer demokratischen Gesellschaft wie in Deutschland ja nicht positiv bewertet wird.

Auf Grund ihrer Aktualität, der teilweise darin mitschwingenden Kritik und mancher Besonderheit bei der Wortbildung sind Kofferwörter für fortgeschrittene Deutschlerner eine echte Herausforderung. Ich habe euch im Folgenden eine kleine Sammlung von deutschen Kofferwörter zusammengestellt, die mir mehr oder weniger spontan eingefallen sind:

Wörter mit implizierter Kritik:
Teuro (aus: teuer + Euro)
Denglisch (aus: Deutsch + Englisch)
Besserwessi (aus: Besserwisser + Wessi)
Merkozy (aus: Merkel + Sarkozy)
Mainhattan (aus: Main + Manhattan)
Bankfurt (aus: Bank + Frankfurt)

Neutrale Wörter:
Smog (aus: smoke + fog)
Motel (aus: motor + hotel)
Mediothek (aus: Medien + Theke)
Politesse (aus: Polizist + Hostesse)
jein (aus: ja + nein)
Bionik (aus: Biologie + Technik)
Brunch (aus: breakfast + lunch)
Infothek (aus: Information + Theke)
Digicam (aus: digital + camera)
Jostabeere (aus: Johannisbeere + Stachelbeere)
Kurlaub (aus: Kur + Urlaub)
Stagflation (aus: Stagnation + Inflation)
Eurasien (aus: Europa + Asien)
Bollywood (aus: Bombay + Hollywood)

Auf die Kofferwörter bin ich durch einen Beitrag im Deutschlandradio Kultur aufmerksam geworden, in dem ein Journalist der Süddeutschen Zeitung zu Kofferwörtern interviewt wird:

Kofferwörter "Jeder weiß sofort was gemeint ist" – Der Journalist Willi Winkler über den "Teuro" – Deutschlandradio Kultur



2 Kommentare… add one

  • hossein dadras 30. März 2015, 11:02

    ich habe früher deutsche Sprache in Richtung Dolmetschen studiert,jetzt studiere ich deutsche Sprache in Richtung Didaktik und es ist die Interesse in mir aufgewekt nach einem Jahr meine Doktor-Arbeit in Sprachwissenschaft zu machen.Können Sie mir ein Paar Tips geben,welche für meine Weiterentwicklung zu nutzu wäre.

    • Uli Mattmüller 30. März 2015, 14:49

      Ich glaube, für diese Frage bin ich als “normaler” Deutschlehrer leider nicht ganz die richtige Adresse.

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